Was ist ThingsBoard?

ThingsBoard ist eine quelloffene IoT-Plattform zum Erfassen, Verarbeiten, Speichern und Visualisieren von Gerätedaten. In Industrial-IoT-Projekten dient sie zur Überwachung von Anlagen, Energieverbrauch, Umgebungsbedingungen und dem Zustand von Fertigungslinien. Die Plattform gibt es in zwei Hauptvarianten:

MerkmalCommunity Edition (CE)Professional Edition (PE)
LizenzQuelloffen (Apache 2.0)Kommerziell
PlattformkernGeräte- und Asset-Modell, Telemetrie, Regel-Engine, Alarme, DashboardsAlle Funktionen der CE
Zusatzfunktionen—Unter anderem White-Labeling, Entitätsgruppen mit erweiterter Rollen- und Rechteverwaltung, fertige Integrationen mit Netzwerkservern und Cloud-Diensten, Zeitplaner und Berichte
Typischer EinsatzPilotprojekte, interne Vorhaben, Teams mit EntwicklungskapazitätMandantenfähige Installationen und Projekte, die diese Funktionen benötigen

Die genaue Funktionsaufteilung ändert sich mit neuen Versionen. Prüfen Sie vor einer Entscheidung die offizielle Dokumentation des aktuellen Release.

Datenmodell: Geräte, Assets, Telemetrie und Attribute

Das Datenmodell ist die Grundlage jeder Lösung für industrielles Monitoring auf ThingsBoard.

  • Gerät (Device): jede Datenquelle, etwa ein Sensor, Zähler oder Gateway. Jedes Gerät besitzt eigene Zugangsdaten.
  • Asset: eine logische Einheit wie Standort, Halle, Fertigungslinie oder Maschine, der Geräte zugeordnet sind.
  • Beziehung (Relation): eine Verknüpfung zwischen Entitäten, zum Beispiel „Halle 2 enthält Linie A“. Beziehungen bilden die Struktur eines Werks oder Bergwerks ab und dienen der Datenaggregation sowie der Navigation im Dashboard.
  • Geräte- und Asset-Profile: gemeinsame Einstellungen für gleichartige Entitäten, darunter Transportprotokoll, Standard-Regelkette und Alarmregeln.

Die Daten jeder Entität werden in zwei Kategorien gespeichert:

TypCharakterBeispiele
TelemetrieZeitreihe; jeder Wert wird mit Zeitstempel gespeichertTemperatur, Schwingung, Strom, Druck
AttributeZustands- oder Konfigurationswerte ohne Zeitreihenhistorie; in den Bereichen client, server und sharedFirmware-Version, Einbauort, Alarmschwelle, Sendeintervall

Als Faustregel gilt: Was sich über die Zeit ändert und dessen Verlauf relevant ist, ist Telemetrie. Was Zustand oder Konfiguration beschreibt, ist ein Attribut.

In der Praxis lohnt es sich, die Asset-Hierarchie vor dem Anschluss des ersten Geräts zu entwerfen. Eine Struktur aus Standort, Bereich, Linie und Maschine, bei der Sensoren der jeweils beobachteten Maschine zugeordnet sind, erlaubt die Aggregation je Linie, das Filtern von Alarmen nach Bereich und die Wiederverwendung von Dashboards über Standorte hinweg. Einheitliche Namenskonventionen für Geräte und Telemetrieschlüssel, etwa stets derselbe Schlüssel für den Motorstrom über alle Maschinentypen, ersparen später aufwendige Bereinigungen.

Datenaufnahme und Gateways

ThingsBoard unterstützt MQTT, HTTP und CoAP nativ, aktuelle Versionen zusätzlich LwM2M und SNMP. Im industriellen Umfeld ist MQTT am verbreitetsten, da das Protokoll schlank ist, dauerhafte Verbindungen hält und dem Publish/Subscribe-Prinzip folgt.

Viele Industriegeräte lassen sich nicht direkt an die Plattform anbinden. Dann übernimmt ein Gateway die Vermittlung:

  • ThingsBoard IoT Gateway: quelloffene Software, die über Konnektoren Modbus, OPC UA, BACnet, CAN und weitere Protokolle liest und die Daten per MQTT weiterleitet.
  • Eigenständige Industrie-Gateways: Hardware, die SPS-Daten erfasst und per MQTT oder HTTP überträgt.
  • LoRaWAN-Netzwerkserver: Daten von Funksensoren gelangen vom Netzwerkserver zur Plattform. Ob ein eigenes, öffentliches oder Community-Netz genutzt wird, entscheidet sich je Projekt.

Für Standorte mit unzuverlässiger Anbindung, etwa im Bergbau, ermöglicht ThingsBoard Edge lokale Verarbeitung und Visualisierung mit späterer Synchronisierung zum zentralen Server.

Auch das Nutzdatenformat verdient frühe Aufmerksamkeit. Sensoren senden häufig kompakte Binärdaten, die in benannte Werte mit Einheiten dekodiert werden müssen. Die Dekodierung kann im Netzwerkserver, im Gateway oder in einem Konverter der Plattform erfolgen; entscheidend ist, dass sie an genau einer definierten Stelle und versioniert stattfindet.

Regel-Engine und Alarme

Die Regel-Engine ist das Herzstück der Datenverarbeitung. Eingehende Nachrichten durchlaufen Regelketten aus Filter-, Anreicherungs-, Transformations- und Aktionsknoten. Typische Anwendungen sind:

  • Einheitenumrechnung oder abgeleitete Größen, etwa Leistung aus Spannung und Strom,
  • Anreicherung von Nachrichten mit Attributen des übergeordneten Assets für Auswertungen auf Linienebene,
  • Weiterleitung an externe Systeme per REST, MQTT oder Kafka,
  • Auslösen und Zurücksetzen von Alarmen.

Eigene Logik wird in Skriptknoten mit JavaScript oder TBEL umgesetzt. Alarme lassen sich direkt im Geräteprofil über Bedingungen zu Schwellwerten, Dauer oder Wiederholung definieren. Jeder Alarm hat einen Schweregrad (unter anderem CRITICAL, MAJOR, MINOR und WARNING) und einen Lebenszyklus aus aktiv, quittiert und zurückgesetzt. Um eine Alarmflut zu vermeiden, sollten Schwellwerte am realen Anlagenverhalten ausgerichtet und kurzzeitige Zustände mit Verzögerungen abgefangen werden.

Dashboards und gute Gestaltung

ThingsBoard Dashboards bestehen aus Widgets: Zeitreihendiagramme, Zeigerinstrumente, Tabellen, Karten, Alarmlisten und Bedienelemente. Entitäts-Aliase ermöglichen es, ein Dashboard für viele gleichartige Maschinen oder Standorte zu nutzen, und Dashboard-Zustände erlauben die Navigation von der Übersicht ins Detail. Gute Dashboards folgen meist diesen Grundsätzen:

  1. Ein Dashboard je Zielgruppe: Bedienpersonal, Instandhaltung und Management benötigen unterschiedliche Informationen.
  2. Klare Hierarchie: Standortübersicht, dann Linie oder Maschine, dann Sensordetails.
  3. Abweichungen zuerst: Auffällige Zustände und aktive Alarme müssen auf einen Blick erkennbar sein.
  4. Farbe mit Bedeutung: Alarmfarben ausschließlich für Alarmzustände verwenden.
  5. Einheiten und Zeiträume: Jedes Diagramm nennt Einheit und Zeitfenster.
  6. Leistung: Anzahl der Widgets und Datenmenge je Abfrage begrenzen, für lange Zeiträume aggregieren.

Betrieb, Skalierung und Sicherheit

ThingsBoard kann als monolithischer Server oder als Microservice-Architektur betrieben werden. Für Pilotprojekte und kleinere Vorhaben genügt meist ein einzelner Server mit PostgreSQL. Mit wachsendem Telemetrievolumen verbessern eine hybride Speicherung mit Cassandra oder TimescaleDB für Zeitreihen und Kafka als Nachrichtenwarteschlange Skalierbarkeit und Ausfallsicherheit. Wesentliche Punkte:

  • Anzahl der Geräte, Sendeintervalle und Aufbewahrungsdauer vor der Architekturentscheidung abschätzen.
  • Aufbewahrungsregeln (TTL) und regelmäßige Datensicherungen von Anfang an festlegen.
  • Alle Verbindungen per TLS verschlüsseln und je Gerät eigene Zugangsdaten verwenden, etwa Zugriffstoken oder X.509-Zertifikate.
  • Benutzerrechte über das Mandanten- und Kundenmodell nach dem Minimalprinzip vergeben und Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren.
  • Den Plattformserver vom Steuerungsnetz trennen und Datenflüsse über Gateways in eine Richtung auslegen.
  • Sicherheitsupdates geplant und nach Test in einer Staging-Umgebung einspielen.

Fazit

Mit flexiblem Datenmodell, Regel-Engine und konfigurierbaren Dashboards ist ThingsBoard eine tragfähige Basis für industrielles Monitoring, sofern Asset-Modell, Alarmregeln, Betriebsarchitektur und Sicherheit von Beginn an sorgfältig geplant werden. Weitere Informationen finden Sie auf den Seiten Industrielles Monitoring und Industrial IoT Beratung. Für ein konkretes Vorhaben nutzen Sie die Kontaktseite.

Häufige Fragen

Worin unterscheiden sich ThingsBoard CE und PE?

Die Community Edition ist quelloffen, kostenfrei und deckt den Plattformkern ab. Die Professional Edition ist kommerziell und ergänzt unter anderem White-Labeling, erweiterte Entitätsgruppen mit Rollenrechten, fertige Integrationen und Berichtsfunktionen.

Kann ThingsBoard Daten aus SPS und Modbus-Geräten empfangen?

Ja, in der Regel über das ThingsBoard IoT Gateway oder ein anderes Industrie-Gateway, das Modbus- oder OPC-UA-Daten liest und per MQTT an die Plattform weiterleitet.

Selbst betreiben oder als Cloud-Dienst nutzen?

Beides ist möglich. Der Eigenbetrieb gibt volle Kontrolle über Daten und Netzwerk, Wartung, Datensicherung und Updates liegen dann jedoch bei Ihnen. Entscheidend sind Sicherheitsanforderungen, Datenschutzvorgaben und die Betriebskapazität des Teams.

Ali Porkareh

IT- und Netzwerkspezialist mit Schwerpunkt Industrial IoT, Smart Mining und intelligente Lösungen.