Die Smart Factory als Architektur
Eine Smart Factory erfasst laufend Daten aus Maschinen, Prozessen und Qualitätsprüfungen und stellt sie den Systemen und Menschen bereit, die über Instandhaltung, Feinplanung und Verbesserungen entscheiden. Die Digitalisierung der Produktion gelingt nicht durch den Kauf einer einzelnen Software, sondern durch mehrere Schichten, die gemeinsam geplant werden müssen.
Eine tragfähige Industrial-IoT-Architektur zeichnet sich durch drei Eigenschaften aus: Jede Schicht hat eine klare Aufgabe, die Schnittstellen zwischen den Schichten sind standardisiert, und eine neue Maschine oder Anwendung lässt sich ergänzen, ohne das Gesamtsystem neu zu entwerfen.
Die Schichten im Überblick
Feldebene: Sensoren, Aktoren und SPS
Ganz unten liegen Sensoren für Temperatur, Druck, Schwingung, Strom oder Stückzahlen sowie Aktoren, die in der Regel von einer SPS gesteuert werden. Die SPS ist für die deterministische und sichere Prozesssteuerung zuständig und sollte keine Analyseaufgaben übernehmen. Grundsatz: Das Auslesen von Daten darf die Steuerungslogik nicht beeinflussen. Lesender Zugriff, begrenzte Abfrageraten und Abstimmung mit der Automatisierungsabteilung sind Pflicht.
Edge-Ebene: Gateways und lokale Verarbeitung
Edge-Gateways sammeln Daten aus Steuerungen, Zählern und Sensoren, setzen Protokolle um, filtern und verdichten Werte und puffern Daten bei Verbindungsabbruch. Verarbeitungsschritte mit kurzer Reaktionszeit, etwa Grenzwerterkennung oder die Vorverarbeitung hochfrequenter Schwingungsdaten, gehören hierher. Die Edge bildet zugleich die natürliche Grenze zwischen Produktionsnetz und allen darüberliegenden Systemen.
Kommunikations- und Protokollebene
In den meisten Projekten treffen drei Protokolle aufeinander:
- Modbus (RTU/TCP): alt, einfach und in Zählern, Antrieben und Bestandsanlagen weiterhin verbreitet. Es gibt kein Datenmodell, die Bedeutung jedes Registers muss dokumentiert werden.
- OPC UA: herstellerunabhängiger Standard mit reichhaltigem Informationsmodell, integrierter Sicherheit und Unterstützung in vielen aktuellen Steuerungen. Geeignet für den strukturierten Zugriff auf Maschinendaten.
- MQTT: schlankes Publish/Subscribe-Protokoll für den Transport von der Edge zur Plattform und die Verteilung an mehrere Abnehmer.
Plattformebene
Die IIoT-Plattform, zum Beispiel ThingsBoard, verwaltet Geräte, speichert Zeitreihen, wertet Alarmregeln aus und stellt Dashboards bereit. Ob sie im eigenen Rechenzentrum oder in der Cloud betrieben wird, hängt von Sicherheitsanforderungen, Internetanbindung und Unternehmensrichtlinien ab. Für Produktionsdaten werden häufig lokale oder hybride Varianten bevorzugt.
Anwendungsebene: MES, ERP und Instandhaltung
Oben stehen die Systeme, die Daten nutzen: das MES für Aufträge, Arbeitsgänge und Rückverfolgbarkeit, das ERP für Ressourcenplanung, Einkauf und Buchhaltung und ein Instandhaltungssystem für Arbeitsaufträge. Der eigentliche Nutzen entsteht, wenn etwa ein Schwingungsalarm an einem Motor automatisch einen Instandhaltungsauftrag anlegt oder tatsächliche Stückzahlen in den Auftragsfortschritt zurückfließen.
Protokolle im Vergleich
| Merkmal | Modbus | OPC UA | MQTT |
|---|---|---|---|
| Typische Position | Feldgeräte und Bestandsanlagen | Maschine und Steuerung | Edge bis Plattform |
| Kommunikationsmodell | Anfrage/Antwort | Client/Server und Pub/Sub | Pub/Sub über Broker |
| Datenmodell | Keines (nur Register) | Reichhaltig, modellierbar | Frei; Nutzdatenformat muss festgelegt werden |
| Sicherheit | Im Basisprotokoll keine | Integriert (Zertifikate, Verschlüsselung) | Über TLS und Authentifizierung |
| Geeignet für | Auslesen von Zählern und Antrieben | Strukturierter SPS-Zugriff | Verteilung an viele Abnehmer |
Bestandsintegration und Retrofit
Die wenigsten Werke sind Neubauten. Maschinen mehrerer Generationen laufen nebeneinander, manche haben überhaupt keine Datenschnittstelle. Bewährte Wege für das Retrofit von Bestandsanlagen:
- Auslesen der vorhandenen SPS über native Protokolle oder OPC UA, sofern Zugriff und Freigabe bestehen.
- Nachrüstsensorik wie Stromzangen, Schwingungs- oder Temperatursensoren, die ohne Eingriff in die Maschinensteuerung montiert werden.
- Protokollumsetzende Gateways, die Modbus oder proprietäre Protokolle in MQTT oder OPC UA übersetzen.
- Erfassung alter Anzeigen und Zähler per Kamera und Bilderkennung, wenn kein digitaler Ausgang vorhanden ist.
Ob Nachrüstung oder Austausch sinnvoller ist, hängt von der Restnutzungsdauer, der Ersatzteilverfügbarkeit und dem Wert der benötigten Daten ab. Ein Retrofit schafft oft rasch Transparenz und liefert die Grundlage für spätere Investitionsentscheidungen.
IT/OT-Segmentierung und Sicherheit
Die Verbindung des Produktionsnetzes mit Büronetz und Internet vergrößert die Angriffsfläche. Grundprinzipien:
- Das Netz in Zonen mit kontrollierten Übergängen (Conduits) gliedern, angelehnt an die Konzepte der Normenreihe IEC 62443.
- Eine industrielle DMZ zwischen OT und IT einrichten; direkte Verbindungen aus dem Büronetz zu einer SPS darf es nicht geben.
- Verbindungen von der Edge nach außen aufbauen lassen, statt eingehende Ports ins Produktionsnetz zu öffnen.
- Verschlüsselung (TLS), Geräteauthentifizierung und ein geordnetes Zertifikatsmanagement einsetzen.
- Ein aktuelles Anlagen- und Konfigurationsverzeichnis pflegen; automatisierte Netzwerkkonfiguration reduziert manuelle Fehler.
Datenmodell und Fahrplan
Ohne gemeinsames Datenmodell wird jede Maschine zur Insel. Einheitliche Anlagenbezeichnungen (Standort, Halle, Linie, Maschine), festgelegte Einheiten, verlässliche Zeitstempel und eine klare Definition der Maschinenzustände (Produktion, geplanter Stillstand, Störung) sind Voraussetzung für belastbare Dashboards und Auswertungen. Normen wie ISA-95 liefern dafür eine hilfreiche hierarchische Struktur.
Typische Fehler
- Alles erfassen: Wer jede verfügbare Variable mit maximaler Abtastrate speichert, füllt Datenbanken, ohne Fragen zu beantworten. Ausgangspunkt sollten die Entscheidungen sein, die die Daten unterstützen sollen.
- Dashboards ohne Verantwortliche: Ein Dashboard, für das niemand zuständig ist, wird schnell zur Dekoration. Es muss festgelegt sein, wer auf welchen Alarm reagiert.
- Punkt-zu-Punkt-Verbindungen: Wird jede Maschine direkt mit jeder Anwendung verbunden, entsteht ein fragiles Geflecht. Ein zentraler Broker oder eine Plattform mit festgelegtem Datenmodell hält die Schnittstellen beherrschbar.
- Fehlende Zeitsynchronisation: Ohne einheitliche Uhrzeit auf Steuerungen, Gateways und Servern lassen sich Ereignisse verschiedener Maschinen nicht zuverlässig zuordnen.
Ein praxisnaher Ablauf für die Einführung:
- Bestandsaufnahme: Maschinen, Schnittstellen, Netze und die wichtigsten Produktionsprobleme erfassen.
- Priorisieren: eine Fertigungslinie oder ein konkretes Problem wählen, etwa nicht erfasste Stillstände oder den Energieverbrauch.
- Zielarchitektur entwerfen: Schichten, Protokolle, Netzsegmentierung und Datenmodell festlegen.
- Pilot: die gewählte Linie anbinden und Dashboards für die tatsächlichen Nutzer aufbauen.
- Integrieren: Anbindung an Instandhaltung, MES oder ERP.
- Ausrollen: weitere Linien auf derselben Architektur ergänzen.
Fazit
Eine Smart Factory entsteht aus einer stimmigen Schichtenarchitektur, nicht aus einer Sammlung unverbundener Werkzeuge. Bestandsintegration, Sicherheit von Anfang an und ein gemeinsames Datenmodell entscheiden darüber, ob das System wachsen kann. Die Vorgehensweise ist auf den Seiten zur Smart Factory, zur Industrial IoT Beratung und zum Retrofit von Bestandsanlagen beschrieben. Ihre Ausgangslage im Werk können Sie über die Kontaktseite schildern.
Häufige Fragen
Braucht eine Smart Factory neue Maschinen?
In der Regel nicht. Viele Bestandsmaschinen lassen sich über Nachrüstsensorik, das Auslesen der SPS oder protokollumsetzende Gateways anbinden. Ein Austausch lohnt sich meist erst, wenn eine Anlage technisch oder wirtschaftlich am Ende ist.
OPC UA oder MQTT?
Beide haben unterschiedliche Aufgaben. OPC UA eignet sich für den strukturierten Zugriff auf Steuerungs- und Maschinendaten, MQTT für den schlanken Transport von der Edge zur Plattform und zu vielen Abnehmern. In vielen Werken werden beide kombiniert.
Welche Rolle spielt das MES neben einer IIoT-Plattform?
Die IIoT-Plattform erfasst und überwacht technische Daten. Das MES steuert Aufträge, Arbeitsgänge, Qualität und Rückverfolgbarkeit. Beide ergänzen sich und sollten über ein gemeinsames Datenmodell verbunden werden.