Retrofit und Neuanschaffung: zwei Wege zum gleichen Ziel

In vielen Fabriken, Bergwerken und Versorgungsanlagen arbeiten Maschinen, die lange vor dem Thema Vernetzung konstruiert wurden. Pumpen, Verdichter, Förderbänder, Schaltanlagen und Zähler erfüllen weiterhin ihre Aufgabe, geben aber kaum Auskunft über ihren Zustand. Geht es um Zustandsüberwachung, weniger ungeplante Stillstände oder ein besseres Energiemanagement, stehen zwei grundlegende Wege offen.

  • Retrofit (Nachrüstung): Bestehende Anlagen werden mit Sensoren, Messumformern, Gateways und Software ergänzt, sodass Betriebsdaten erfasst und an ein Überwachungssystem übertragen werden. Maschine und Kernprozess bleiben unverändert.
  • Neuanschaffung: Eine Maschine oder ein Abschnitt der Fertigungslinie wird durch neue Technik ersetzt, die Sensorik, Steuerung und standardisierte Kommunikationsschnittstellen bereits mitbringt.

Keiner der beiden Wege ist grundsätzlich überlegen. Die Entscheidung hängt vom technischen Zustand der Anlage, vom tatsächlichen Datenbedarf, vom Budget und von der tolerierbaren Stillstandszeit ab. In der Praxis kombinieren viele Vorhaben zum Retrofit von Bestandsanlagen beide Ansätze.

Entscheidungskriterien

Ein fairer Vergleich bewertet beide Optionen anhand derselben Kriterien. Die Tabelle fasst die wichtigsten zusammen.

KriteriumRetrofitNeuanschaffung
KostenstrukturGeringere Anfangsinvestition, vor allem für Sensoren, Gateways, Montage und Softwareplattform; in kleine Schritte aufteilbarHohe Investitionskosten für Beschaffung, Montage, Inbetriebnahme und Schulung; meist als Einmalinvestition
StillstandHäufig im laufenden Betrieb oder in kurzen Wartungsfenstern umsetzbarGeplanter Stillstand für Demontage, Montage und Inbetriebnahme erforderlich
RisikoGeringes technisches Risiko bei nicht-invasiven Verfahren; Hauptrisiko ist unzureichende Datenqualität oder -abdeckungHöheres Projektrisiko: Lieferverzug, Probleme bei der Inbetriebnahme, Einbindung in den bestehenden Prozess
DatenqualitätBegrenzt auf extern Messbares oder auf Daten der vorhandenen SteuerungZugriff auf interne Maschinendaten, oft über Standardschnittstellen wie OPC UA
LebenszyklusVerlängert die Lebensdauer nicht, macht Verschleiß aber sichtbarNeuer Lebenszyklus mit Herstellerunterstützung und Ersatzteilversorgung
Zertifizierung und KonformitätRein lesende Verfahren lassen Zertifizierungen in der Regel unberührt; Eingriffe in Steuerung oder Sicherheitsfunktionen erfordern eine NeubewertungNeue Anlagen bringen eigene Nachweise mit, die Einbindung in die bestehende Linie ist dennoch zu bewerten

Vergleichen Sie Kosten nicht allein über den Anschaffungspreis. Produktionsausfall während der Umstellung, Schulung des Bedienpersonals, angepasste Dokumentation und das Inbetriebnahmerisiko gehören zu den tatsächlichen Kosten einer Neuanschaffung. Umgekehrt kann ein Retrofit weniger Daten liefern als erhofft und damit nur begrenzten analytischen Nutzen bringen.

Typische Nachrüsttechniken

Die meisten Retrofit-Verfahren zielen darauf, Daten zu gewinnen, ohne in die Steuerungslogik der Maschine einzugreifen.

Anklemm- und Aufbausensoren

Schwingungssensoren mit Magnetfuß, Oberflächentemperaturfühler und Ultraschall-Durchflussmesser in Clamp-on-Bauweise werden außen an Gehäusen oder Rohren befestigt, ohne Rohrleitungen aufzutrennen oder die Maschine zu öffnen. Sie eignen sich für die Zustandsüberwachung von Pumpen, Motoren, Lagern und Medienleitungen. Batteriebetriebene Funksensoren, etwa auf LoRaWAN-Basis, vereinfachen die Montage zusätzlich; welches Funknetz genutzt wird, entscheidet sich je Standort und Projekt.

Stromwandler

Aufklappbare Stromwandler werden um einen Leiter gelegt, ohne ihn abzuklemmen. Aus dem Stromverlauf lässt sich ablesen, ob eine Maschine läuft, im Leerlauf steht oder überlastet ist und wie lange sie in Betrieb ist. Das ist einer der einfachsten Wege, Laufzeiten und Energieverbrauch älterer Anlagen zu erfassen. Arbeiten im Schaltschrank sind von Elektrofachkräften unter Einhaltung der geltenden Sicherheitsvorschriften auszuführen.

Optische Zählerauslesung

Ältere Wasser-, Gas- und Stromzähler lassen sich ohne Austausch digital erfassen. Üblich sind zwei Verfahren: das Auslesen der optischen Impuls-LED elektronischer Zähler und die Bilderfassung von Display oder mechanischem Zählwerk mit anschließender OCR. In beiden Fällen bleiben Zähler, Plombierung und Eichung unberührt.

Gateways an SPS und vorhandene Steuerungen

Viele Maschinen, auch ältere, verfügen über eine SPS oder Steuerung mit Modbus, Profibus oder einem herstellerspezifischen Protokoll. Ein Industrie-Gateway kann vorhandene Variablen rein lesend abfragen und per MQTT oder OPC UA an ein System für industrielles Monitoring weitergeben. Rein lesender Zugriff und eine Netzwerktrennung vom Steuerungsnetz sind die zentralen Voraussetzungen, um das Risiko gering zu halten.

Meldeleuchten und potenzialfreie Kontakte

Ist keine Steuerungsschnittstelle zugänglich, lassen sich vorhandene binäre Signale nutzen. Signalsäulen, potenzialfreie Relaiskontakte und Hilfskontakte von Motorschützen zeigen Zustände wie Betrieb, Störung oder Materialmangel an. Ein kleines Digitaleingangsmodul erfasst diese Signale und erzeugt daraus einen einfachen, zeitgestempelten Maschinenstatus. Das reicht häufig aus, um die Verfügbarkeit zu berechnen und die häufigsten Stillstandsursachen zu erkennen.

Wann die Neuanschaffung richtig ist

Retrofit ist keine Universallösung. Eine Neuanschaffung ist in der Regel sinnvoller, wenn

  • die Anlage technisch verbraucht ist und häufige Ausfälle durch Überwachung nur sichtbar, aber nicht verhindert würden,
  • Ersatzteile oder Herstellerunterstützung nicht mehr verfügbar sind,
  • aktuelle Anforderungen an Sicherheit, Umweltschutz oder Recht nicht mehr erfüllt werden,
  • Kapazität, Genauigkeit oder Energieeffizienz deutlich hinter dem heutigen Bedarf zurückbleiben,
  • das Ziel eine Regelung oder Prozessänderung ist und nicht nur Überwachung, was meist tiefe Eingriffe in die Steuerung erfordert.

Auch dann können Daten aus einer vorübergehenden Nachrüstung die Spezifikation der neuen Anlage schärfen, etwa durch das tatsächliche Lastprofil oder Einschaltverhalten.

Stufenweises Vorgehen

Ein stufenweises Vorgehen senkt das Risiko und stützt jede weitere Entscheidung auf reale Daten:

  1. Bestandsaufnahme: kritische Anlagen, vorhandene Schnittstellen und bekannte Probleme erfassen.
  2. Datenfragen festlegen: Was genau soll sichtbar werden, etwa Laufzeit, Energieverbrauch, Schwingung oder Störmeldungen?
  3. Retrofit-Pilot: nicht-invasive Verfahren an einigen repräsentativen Anlagen umsetzen und Daten in ein zentrales Dashboard führen.
  4. Auswertung: Datenqualität, Verbindungsstabilität und den Nutzen für Instandhaltung und Produktion bewerten.
  5. Entscheidung je Anlage: Retrofit ausweiten, Steuerung modernisieren oder Neuanschaffung planen, jeweils auf Basis der gewonnenen Daten.

Die Datenarchitektur sollte von Beginn an herstellerneutral sein, damit nachgerüstete Bestandsanlagen und neue Maschinen später in einem gemeinsamen System zusammengeführt werden können.

IT- und OT-Sicherheit gehören vom ersten Schritt an in die Planung. Jede Nachrüstung bringt neue Geräte und Datenwege in eine Umgebung, die dafür nicht ausgelegt war. Trennen Sie Sensor- und Gateway-Netze vom Steuerungsnetz, verschlüsseln Sie die Verbindungen zur Plattform, ändern Sie Standardpasswörter und dokumentieren Sie jede zusätzliche Komponente. Ein Retrofit, der einen unkontrollierten Zugang zur Steuerung öffnet, schafft mehr Risiko, als er beseitigt.

Fazit

Retrofit ist ein risikoarmer Einstieg in die Digitalisierung der Produktion und liefert ein klares Bild vom tatsächlichen Verhalten der Bestandsanlagen. Eine Neuanschaffung ist richtig, wenn eine Anlage technisch, sicherheitlich oder wirtschaftlich an ihre Grenzen stößt. Mehr zum Vorgehen finden Sie auf den Seiten Retrofit von Bestandsanlagen, Smart Metering und Smart Factory. Für eine konkrete Fragestellung nutzen Sie die Kontaktseite.

Häufige Fragen

Was bedeutet Retrofit in der Industrie?

Retrofit bezeichnet die Nachrüstung bestehender Anlagen mit Sensoren, Kommunikationsmodulen oder Software, damit sie Daten liefern und überwacht werden können, ohne die Maschine oder den Kernprozess zu ersetzen.

Beeinflusst eine Nachrüstung die Zertifizierung der Maschine?

Nicht-invasive Verfahren wie Anklemmsensoren oder rein lesender Zugriff auf die SPS greifen in der Regel nicht in Sicherheits- oder Steuerungslogik ein. Betreffen Änderungen Sicherheitsfunktionen oder die Steuerung, sind die Auswirkungen auf Konformität und Zertifizierung gesondert zu bewerten.

Wann ist eine Neuanschaffung sinnvoller?

Wenn die Anlage technisch am Ende ist, keine Ersatzteile mehr verfügbar sind, aktuelle Sicherheits- oder Rechtsanforderungen nicht erfüllt werden oder Kapazität und Qualität nicht mehr zum Produktionsbedarf passen.

Ali Porkareh

IT- und Netzwerkspezialist mit Schwerpunkt Industrial IoT, Smart Mining und intelligente Lösungen.